Meine Heimkehr


Es war Februar 1945. Nachdem ich mich vom "Schanzen" abgesetzt hatte, und von der HJ desertierte, war ich nun "tief im Osten" mit 15 Jahren völlig auf mich alleine gestellt. Ich wollte nur nach Hause. Ich wusste, dass meine Familie nach Neustadt evakuiert war, dort wollte ich hin.

Der Krieg lag in seinen letzten Zügen. Ich wusste zwar nicht, wie lange es noch gehen würde aber ich sah immer mehr Flüchtlinge aus dem Osten. Auch schon während des "Schanzens" mussten wir uns immer weiter nach Westen zurückziehen, weil die Kriegsfront immer weiter auf uns zukam.

Ich lief zu Fuss bis Troppau (Tschechisch: Opava), im damaligen "Reichsgau Sudetenland" (wir sagten damals "Sudetengau"). Immer bedacht niemandem zu begegnen, auch nicht den deutschen Truppen. Sonst wäre ich als Desertierer vielleicht verhaftet worden.

Ab Troppau gab es noch eine einzige Zugverbindung nach Neustadt (heute Prudnik) in Oberschlesien (heute Polen), die ich nutzte. Dabei versuchte ich immer, mich vor anderen Uniformierten zu verstecken, damit ich nicht aufgegriffen würde.

Als ich in die Siedlung nach Neustadt kam, war alles menschenleer.

Wie in einer Geisterstadt.

Alle Bewohner, auch meine Familie, waren mit dem letzten Flüchtlingszug aus Angst vor der immer weiter heranrückenden russischen Armee weiter in Richtung Westen weggefahren.

Ein anderer "Versprengter" (so nannten wir Soldaten ohne ihre Einheit - meist Desertierte) der damaligen "Organisation Todt" (das waren sozusagen die Pioniere der Wehrmacht), suchte in der Siedlung auch vergebens seine Familie. Er hat mir gesagt, dass der Flüchtlingszug nach Coburg in Franken gefahren war.

Er wollte deswegen nach Coburg und ich schloss mich ihm an. Aber wie sollten wir als Desertierer nach Coburg gelangen? Es war im Osten zwar vieles bereits in der Auflösung begriffen, aber es gab ja immer noch das "Grossdeutsche Reich" und wir waren Desertierer.

Wir versuchten mit einigen Flüchtlingstreks weiter in Richtung Westen zu kommen. Mittlerweile hatte sich uns beiden ein weiterer "Versprengter", ein Fliegerleutnant, angeschlossen. Mit diesen beiden, quasi Vaterfiguren, zog ich mit.

Beide Männer haben sich so sehr um mich gekümmert, als wären es meine Väter gewesen. Ich hatte Angst und glaubte nicht mehr daran, meine Familie jemals wiederzusehen. Aber sie haben auf mich aufgepasst, mich ermutigt, und mir Hoffnung gemacht. Ohne sie hätte ich bestimmt aufgegeben und wäre verloren gewesen.

Der Fliegerleutnant hatte Stabskarten dabei, wir Drei wollten auf seinen Vorschlag hin zu Fuss durch die nördliche Tschechei ziehen und nicht mehr den Flüchtlingsströmen folgen. Denn nach seinen Karten war dieser Weg durch die Tschechei besser um nach Coburg zu kommen, als der Weg durch Sachsen und Thüringen.

Wir marschierten nur Nachts in der Dunkelheit und versteckten uns bei Tage. Denn wir hatten Angst vor den Tschechen und den Deutschen. Die Gefahr, die Angst und die Strapazen kann man sich heute gar nicht so richtig vorstellen. Während unseres Marsches lebten wir über Wochen in ständiger Angst entdeckt zu werden.

Die beiden Soldaten wären im besten Fall zur Front geschickt worden, oder wahrscheinlicher sofort als Desertierer oder Feinde erschossen worden. Was dann mit mir passiert wäre, wollte ich gar nicht wissen.

Auf dem Weg durch die Tschechei kamen wir auch an vielen verlassenen Höfen vorbei, deren Bewohner bereits nach Westen geflohen waren. Es standen zwar überall Schilder "Wer Plündert wird erschossen", aber das war uns egal, denn wir mussten unsere Uniformen loswerden, und haben sie dann gegen dort "gefundene" Zivilkleidung gewechselt.

Eines Morgens kam an unserem Versteck ein junges Mädchen, eine Sudetendeutsche, vorbei und fragte ob wir Wasser wollten, sie wisse, wo eine ganze Kiste Wasser stehen würde. Als wir dahin kamen, fanden wir "Danziger Goldwasser" (ein Schnaps). Wir haben uns trotzdem ein paar Flaschen in unser Gepäck eingesteckt.

Der Fliegerleutnant hatte in seinem Gepäck ganz viel "Schokakola". Davon haben wir uns alle eine Zeitlang ernährt. Es hat uns einigermassen gesättigt und auch wach gehalten.

Irgendwann kamen wir in Asch (Tschechisch Aš) an einem deutschen Lazarett vorbei, dass gerade aufgelöst wurde. Da konnten wir uns erneut mit Verpflegung eindecken.

Ende März 1945 erreichten wir endlich die Stadt Hof in Deutschland. Wir glaubten uns jetzt in Sicherheit vor der aus dem Osten heranrückenden russischen Armee. In Kronach im Frankenwald sahen wir die ersten "Amis" (so nannten wir die amerikanischen Soldaten) und stellten uns ihnen und kamen so freiwillig in Gefangenschaft.

Nach einigen Tagen im Gefangenenlager kam ein dunkelhäutiger amerikanischer Offizier auf mich zu, liess mir die langen Hosenbeine meiner Hose abschneiden und sagte zu mir in gutem Deutsch "Geh zur Mammi". Ich war frei.

Meine beiden "Ziehväter" auf Zeit habe ich nie wieder gesehen.

Ich suchte in Coburg nach meiner Familie und fragte auch beim roten Kreuz danach. Und so fand ich sie endlich nach einigen Tagen Suche in einem kleinem Dorf in der Nähe von Coburg.

Der Ortsvorsteher der Dorfes gab mir neue Papiere, meine alten hatte ich verloren, und besorgte mir auch sofort Arbeit im nahegelegenem Forstwald. Denn die Fabriken brauchten dringend Holz, es gab ja noch keine Kohle. Der Forst belieferte die Fabrik "W. Goebel", die stellten die damals berühmten "Hummelfiguren" her, und eine Brauerei in Öslau, die stellten damals "richtiges Bier" (für die Amis) her.

Von der Forstverwaltung bekam ich meinen Lohn in Form von Amizigaretten, Haustrunk (2 Liter Bier pro Tag) und Hummelfiguren. Damit hatte ich für die Familie prima Sachen, die man gegen Essbares tauschen konnte. Die Amis fanden die Hummelfiguren als Souvenier ganz toll.

1946 gab es eine Verordnung der Besatzungsmächte, dass alle Bürger dahin zurückgehen müssen, wo sie vor dem 1.9.1939 ihren Wohnsitz hatten. Das galt auch für uns und wir mussten ins Ruhrgebiet, nach Castrop-Rauxel, zurück.

Da wir nicht wussten, wie schlimm es in Castrop aussah, versuchte ich im Mai 1946 als Vorhut erstmal alleine mich nach Castrop durchzuschlagen um zu sehen was dort los war.

Unsere Wohnung in Obercastrop war ausgebombt und unbewohnbar. Aber mein Onkel Lorenz war noch am Leben. Dort fand ich erstmal Bleibe.

Ich meldete mich wieder in Castrop an, sorgte für eine Wohnung für die Familie und liess sie dann nachkommen.

Mein Kreis schloss sich, ich war wieder in Castrop.

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Kommentare

Nun wird es aber Zeit, Ihnen zu sagen, wie toll ich Ihr Blog finde (via basicthinking). Durch solche Berichte kommt doch erst Butter bei die (historischen) Fische, Fleisch ans Skelett. Bitte unbedingt weitermachen. Mir ist hier auch klargeworden, wie gut sich ein Blog für solche Erinnerungen, gerade in episodischer Form, eignet.
Kennt jemand noch andere solcher Blogs?
schwattebeek ät aol Punkt com

Da ich als Castrop-Rauxeler überwiegend im Ausland arbeite, sind die Erzählungen für mich eine besondere Verbindung zur Heimat.
Ich warte schon immer auf die Fortsetzung.
Bitte weiter so!

Hallo Hans,
deine Geschichte ist sehr spannend und erinnert mich an die Erzählungen meines Vaters aus dem Krieg, die ich auch immer gerne gehört habe. Mein Vater war ebenfalls in der HJ, Jahrgang 1930. Das ist wirklich erlebte und lebendige Geschichte. Ich wünschte mir, davon wäre mehr in den Schulbüchern enthalten. Mach weiter, es ist toll, die Erfahrung eurer Generation im Internet aufzubewahren. Vielen Dank für deinen Blog.

nabend

da ich noch nicht mit soviel lebenserfahrung aufwarten kann wie du finde ich es sehr schön das du deine mit der welt teilst. es ist ja nicht nur dein leben was du hier schilderst sondern zum (groß-)teil auch deutsche geschichte und dinge die man so vielleicht nie erfahren hätte die du weitergibst. dafür ein danke und mach weiter so.