Onkel Alois


Der jüngste Bruder meiner Mutter wurde 1944 als siebzehnjähriger nach Russland in den Krieg eingezogen.

Wir hatten seit dem nicht mehr von ihm gehört, bis er unerwartet im Herbst 1947 bei uns uns Castrop vor unserer Tür stand.

Wir waren die einzigen der Familie, die nach dem Krieg wieder an ihren alten Wohnort zurück gekehrt waren. Das war sein Glück , so hatte er jemanden, und konnte er bei uns bleiben.

Als Russlandheimkehrer wurde er vom Heimkehrerverband soweit versorgt.

Ich hatte jetzt einen Onkel, der nur drei Jahre älter war als ich. Er war vom Krieg und der Gefangenschaft gezeichnet und immer ausgehungert. Wenn ich von der Schicht kam, saß er bereits am Esstisch und sagte, noch bevor ich zu essen anfing "Hans, wenn du nicht mehr essen willst, dann ess' ich weiter". Manchmal war ich dadurch schon satt und habe ihm mein ganzes Essen überlassen.

Wenn ich zum Wochenende mit meinen Kumpels ausging, war er nun immer mit dabei, denn er musste lernen wieder in Gesellschaft zu sein (und mit Frauen auszugehen). Das klappte so halbwegs und mit der Zeit hatte er sich einen eigenen Bekanntenkreis geschaffen.

Er lernte dann nach einiger Zeit eine Frau aus Stralsund kennen, mit der er dann später nach (Mecklenburg-)Vorpommern ging.

Mecklenburg-Vorpommern war ja Teil der DDR und deswegen hörten wir dann nur noch ganz selten telefonisch oder per Brief von ihm. Und über die Jahre riss der Kontakt ganz ab.

1993, als ich wieder mal auf der Kieler-Woche war, zusammen mit Django, liessen wir es uns Abends nach dem Segeln auf der Kiellienie mit internationalen Spezialitäten, Wein und Musik gut gehen.

In der Nähe unseres Sitzplatzes war ein Stand mit Ostseefisch aus Stralsund. Die Stimme des Verkäufers schallte zu uns herüber, sie kam mir sehr bekannt vor.

Ich ging zu dem Stand um zu sehen, ob es ein Bekannter war. Es war Onkel Alois. Wir haben uns sehr über das Wiedersehen gefreut, blieben ab da in Kontakt und haben uns auch einige Male auf der Kieler Woche wiedergetroffen.

2002 verstarb der Onkel. Seine Familie kannte ich nur durchs Telefon. Schade.

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Die Kriegsjahre haben viele Familien auseinander gerissen und wie das Schicksal es bestimmt, wieder zusammen gefunden mit etwas Glück, wie z.B.in Deiner Geschichte Hans.Auch mit der Teilung von Deutschland gab es viele Gründe,aber Erinnerungen bleiben und werden nicht ausgelöscht.