Kumpel Hannes


Es war 1946 in der Nachkriegszeit, die auch gleichzeitig die sogenannte "Vorwährungszeit" war. Der Tausch- und Schwarzhandel blühte. Es gab zu wenig Nahrung und deswegen drehte sich fast alles darum, irgendwie an Essen zu kommen, um zu überleben und nicht zu hungern. Ich war siebzehn.

Die einzigen Arbeiter, von denen ich damals wusste, dass sie gut versorgt wurden, waren die Bergleute. In meiner Familie waren bereits mein Opa, Vater und Onkel im Bergbau, doch ich wollte kein Bergmann werden, sondern ging zur Schule und wollte später einmal studieren.

Ich hatte allerdings den Gedanken, vorübergehend zum Pütt zu gehen, bis die Zeiten besser wären. Und so wurde ich in Castrop-Rauxel auf der Zeche Victor 3/4 als Bergfremder angelegt, eingekleidet und durchlief eine dreimonatige Ausbildung, bis ich in der Kameradschaft bei meinem Onkel Lorenz als Neuling zum Steinekippen eingesetzt wurde.

Aus dieser Anfangszeit ist mir noch ein prägendes Erlebnis so vor Augen, als wäre es gestern gewesen:

Eines morgens bei der Einteilung sagte uns der Steiger, dass wir unseren Betriebspunkt sauber machen sollten, denn es käme Besuch und "es sind auch Frauen dabei".

Wir waren zu der Zeit eine Kameradschaft von vier Mann: Der "alte Vogt", mein Onkel, der "Kohlenklau" (so nannten ihn alle, seinen richtigen Namen weiss ich bis heute nicht) und ich.

Beim Steinekippen wurden die vollen Wagen über eine Metallplatte geschoben, zum Ausleeren gekippt und dann wieder zurück in die Leerbahn gebracht.

Der "alte Vogt" hatte eine Idee: "Wenn die Weiber kommen, sollen die uns mal tanzen sehen!". Wir mussten unsere Arbeitskleidung ausziehen, bis wir nackend waren - nur unsere Kohlschuhe und das Arschleder, das wir nun vorne trugen, behielten wir an. Ketten, die zum Aufhängen von Versorgungsleitungen dienten, mussten wir uns um den Hals hängen. Unsere vier Handlampen stellten wir auf die vier Ecken der Eisenplatte und warteten auf den Besuch.

Nach einiger Zeit sahen wir hinten in der Strecke viele Lichter näherkommen. Der "alte Vogt" zeigte uns jetzt, was wir machen sollten: Mit den Ketten um den Hals und dem Arschleder als kleiner Schürze, aber sonst nackend, tanzten wir im Lichterschein unserer Handlampen und mit lautem Gebrüll auf der Eisenplatte herum.

Wir konnten sehen, wie die entfernten Lichter plötzlich nicht mehr näher kamen und sich dann schnell wieder entfernten.

Das gab natürlich Ärger. Am Ende der Schicht teilte uns unser Steiger wutschnaubend mit: "Ihr müsst Euch beim Alten melden!". Mit "Der Alte" war der Betriebsführer gemeint.

Als wir beim Alten waren, nahm der uns fünf Mark Bussgeld ab, weil wir uns falsch verhalten hätten. Wir hatten nämlich das Arschleder falsch getragen. Er sagte "Das Arschleder wird nur hinten getragen". Und als er das sagte, konnte ich ein Grinsen in seinem Gesicht erkennen.

Im Laufe der Zeit habe ich dann immer mehr festgestellt, dass das damalige Vorurteil, Bergleute seien "dumm und stark", falsch war. Bergleute waren (und sind!) alles andere als dumm und haben einen sehr eigenen Humor.

Und so kam es wie es kommen musste. Ich blieb dabei und bin dem Bergbau in meinem ganzen Arbeitsleben treu geblieben.

Information und Links

Mach mit! Kommentiere diesen Artikel, oder schaue was andere schon gesagt haben, oder verlinke von Deinem Blog.


Kommentar schreiben

Sag Deine Meinung.

Ja Nein

Kommentare

Das Arschleder wird nur hinten getragen so lautet die Pointe einer alten Geschichte eines ehemaligen, bloggenden Kumpels. Und die Erzählungen lesen sich sehr angenehm, sehr schöner Sprachstil, ich beuge mein Knie. Das Besondere? Der Blogger Hans Frackowiak ist mit seinen stolzen 78...

Da musste ich doch glatt mal in der Wikipedia nachschlagen, was denn überhaupt ein Arschleder ist :-)

Schöne Geschichte. Ich hoffe auf noch viele mehr :-)

Mehr, bitte mehr Geschichten. Sehr gut.

Zu einer vorherigen Episode: Der Ausdruck "EPA" ist mir noch bekannt, jedoch hieß dieses Geschäft zu meiner Kinderzeit Dröghoff. Eine Haustür weiter in Richtung Bahnübergang hatte Metzger Hommen sein Geschäft.
Zum 2. mal lese ich "mein Onkel Lorenz".
An der Bahnhofstraße wohnte ein Lorenz Frakowiak, der aber recht zurückgezogen lebte. Der hat auf Viktor 3/4 geschafft und war mit einem "Leukoplastbomber" der erste
stolze PKW-Besitzer in weitem Umkreis.
Im Übrigen: Die Episoden sind Spitze. Vor Allem wurden mir einige Dinge aus der NS-Zeit näher gebracht. Dieses Thema hat man gerne umgangen.
Herzliche Grüße
Rolf Krüger