Verschüttet unter Tage


Es war 1955, ungefähr zur Osterzeit. Da war ich schon einige Jahre auf Zeche Erin bei den Umlegern auf der Nachtschicht. Für mich war es mittlerweile Routinearbeit. Mit Rainer war ich diesmal zum Umbau der Pressluftrohre eingeteilt. Ich war im "alten Feld", baute die Rohre aus und Rainer baute sie in der neuen Reihe wieder ein.

In der Hälfte des Strebes war eine Stelle, wo der Holzausbau ganz schön unter Druck war und das Gebirge von oben drückte. Als ich an dieser Stelle ein Rohr ausbauen wollte, gab es plötzlich einen lauten Knall und es fiel über mir ein Bruch. So schnell kam ich nicht weg, so dass ich unter den Bruch kam und das herunterstürzende Gestein mich unter sich begrub.

Ich lag eingekeilt auf dem Bauch, direkt auf mir lag der zerbrochene Holzausbau. Meine Hände hatte ich zum Glück vorne bei meinem Kopf, so konnte ich die Feinkohle etwas zur Seite schieben um Luft zum Atmen zu haben.

Es war jetzt ganz ruhig. Totenstill. Und es umgab mich pechschwarze Dunkelheit.

Ich versuchte meinen Körper zu prüfen, ob ich irgendwo verletzt war, denn ich hatte nirgends Schmerzen. Aber ich war so eingekeilt, dass ich mich nicht bewegen konnte.

So lag ich da, viele Stunden, eine Ewigkeit.

Ich dachte an meine Frau, die hochschwanger war. Ob ich wohl noch mein Kind sehen würde?

Ich war nie ein besonders religiöser Mensch und hatte mit der Kirche nicht so viel am Hut. Doch jetzt fing ich an zu beten. Und betete zu Gott dass er mich hier rausholt. Und versprach mein Kind religiös zu erziehen, wenn ich es nur noch sehen dürfte.

Er war immer noch ganz ruhig.

Nach einer langen, langen Zeit bemerkte ich, dass sich über mir etwas tat. Aus der Ferne hörte ich leise Stimmen, die meinen Namen riefen.

Die Stimmen wurden lauter. Immer lauter. Und plötzlich sah ich zwei Hände, so groß wie Schaufeln, die vorsichtig Steine an meinem Kopf wegräumten. Es waren die Hände von Rainer.

Irgendwann waren so viele Steine vom Bruch freigeräumt, dass man mich darunter raus ziehen konnte. Die Frühschicht, die mich rauszog, sagte mir, ich wäre sechs Stunden verschüttet gewesen. Während dieser ganzen Zeit war Rainer dabeigeblieben und hatte das Gestein weggeräumt und nach mir gegraben.

Man brachte mich ins Bergmannsheil nach Bochum wo ich untersucht wurde. Nach einem Tag konnte ich wieder nach Hause denn bei mir war alles OK.

Ich bekam drei Tage Sonderurlaub und danach ging es ab Montag dann sofort wieder in den Kohlberg.

Mein Versprechen habe ich gehalten.

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Kommentare

Ich lese schon seit einigen Wochen mit und find ganz großartig, dass du uns allen so viel erzählst! Uch freu mich jedesmal aufs neue, gerade wenn es wieder eine so spannende Geschichte ist, und ich weiß, dass zum Glück doch alles gut ausgegangen ist.
Und du hast am ersten Montag danach keinen Schiss gehabt?

Frohe Ostern noch und ein herzliches Glück auf!

Das sind dann die Momente, wo man erfährt, was Kameradschaft wirklich heißt. Und auf welche Leute man sich blind in jeder Situation verlassen kann.

An Daniel: Die Angst war da. Das Wissen, man ist nicht allein, hilft die Angst zu überwinden.

Wenn man nicht sofort wieder in den Berg geht, bleibt die Angst und später schafft man es dann nicht mehr.

Hallo Herr Hans,
mein Opa, Martin Schwamberger, war auch in Castrop-Rauxel bei der Bergbau-AG Lothringen. Seit 1951 war er Schlepper in der Anlage Schwerin, später dann Lokführer bis ca. 1953/54. Er ist aus der Nähe von München und wurde anscheinend immer der "Singende Bayer" genannt. Er wurde auch zwei mal verschüttet. Kennen Sie ihn zufällig oder wo könnte ich Genaueres über seine Zeit da oben erfahren? Mittlerweile ist er gestorben, so dass ich ihn dazu nicht mehr fragen kann. Da ich dieses Wochenende in der Nähe von Castrop-Rauxel bin, würde ich gern mal das Städtchen anschauen.