Hamsterfahrt 1946


Nach dem Krieg fuhren alle zum Hamstern aufs Land zu den Bauern. Man brachte den Bauern Silberbestecke, Teppiche und ähnlich wertvolle Gegenstände und erhielt dafür ein paar Eier und Speck zum Überleben.

Im Herbst 1946 fragte mich der alte Vogt, ob ich mit auf eine Hamsterfahrt kommen wolle.

Der alte Vogt meinte "Wir, die Steinekipper, fahren heute Abend zum Hamstern. Wir treffen uns nach der Schicht am Bahnhof Rauxel."

Der Zug bestand aus (damals) alten 3. Klasse Wagen, jedes Abteil hatte eine eigene Tür mit Trittbrett nach draussen. Die Abteile waren überfüllt und die Leute standen auf den Trittbrettern und sassen auf den Puffern. Wie Trauben hingen die vielen Menschen am Zug. Wir (und alle anderen) sind mit Bahnsteigkarte gefahren. Um überhaupt auf den Bahnsteig zu kommen, musste man am Bahnhof eine Bahnsteigkarte für 10 Pfennig kaufen. Damit sind wir dann in den Zug eingestiegen. Es war damals noch ein grosses Durcheinander und so haben es alle anderen auch gemacht.

Wir hatten ein Plätzchen hinten in der Nähe der Bremse gefunden. Als der Zug während der Fahrt mal anhielt rief der Kohlenklau den Zugführer mit den Worten "Zugführer, bitte leuchte mal, ich will mir eine Zigarette drehen." Der Zug hatte ja in den Waggons kein Licht, es war dort alles dunkel. Und als der Zugführer dann kam, meinte Kohlenklau "Zugführer, hast du denn auch Tabak und Blättchen?"

In Soest, unserem Ziel, angekommen, erreichten wir nach einer halben Stunde Fussmarsch eine Obststreuwiese. Die drei älteren Kumpels stiegen in die Bäume und pflückten Äpfel und Birnen, ich musste unten einsacken und aufpassen, falls einer kommt.

Wir hatten irgendwann genug, und wollten gehen. Nur Kohlenklau wollte noch mehr. Er blieb alleine zurück und wir anderen gingen schon zum Bahnhof zurück, um dort auf ihn zu warten.

Am Bahnhof warteten wir sehr lange auf ihn. Dann endlich kam er, aber ohne Obst. Er war von Bauern erwischt worden, die ihn dann grün und blau verprügelt haben. Sein Ohr war dick und geschwollen, es sah aus wie ein Elefantenohr. Wir haben unser Obst dann mit ihm geteilt. Danach bin ich aber nie wieder zum Hamstern gefahren.

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